Autor:

Hubert Weitensfelder

Vom Heimgewerbe zur Großindustrie

Im späten 18. und vor allem im 19. Jahrhundert entwickelte sich Dornbirn zum Zentrum der Vorarlberger Textilerzeugung. Diesen Charakter als ländlich geprägter Industriestandort hat die Gemeinde noch bis vor kurzem, also mehr als 200 Jahre lang, bewahrt.

Welche Faktoren waren dafür maßgebend? Ein Umstand ist sicher in der Bevölkerungszahl zu suchen. Obwohl die verstreuten Siedlungsteile nur allmählich zusammenwuchsen, lebte in Dornbirn doch auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche eine große Zahl von Menschen. Viele von ihnen konnten sich von der Landwirtschaft allein nicht ernähren. Die Bewohner gebirgiger Regionen, etwa im Bregenzerwald und im Montafon, suchten sich saisonale Arbeit jenseits der Landesgrenzen; in Dornbirn wie auch in anderen Talgemeinden bildete sich hingegen der Typ des Arbeiter-Bauern bzw. der Arbeiter-Bäuerin heraus.

Die Dornbirner Fabriken wurden zu einem ganz erheblichen Teil von Einheimischen gegründet; sie beschäftigten überwiegend Bewohner der Gemeinde. Das wiederum führte zu spezifischen Beziehungen zwischen diesen beiden Gruppen; davon wird noch zu sprechen sein.

Vorarlberg besaß praktisch keine Kohlenlagerstätten. Die Standorte der frühen Industrie waren daher ans Wasser gebunden. Dornbirn lag dafür günstig. Die ersten Industriebetriebe im Land entstanden entlang einer Linie zwischen Kennelbach und Bürs, und zwar mit wenigen Ausnahmen an jenen Stellen, wo die Wasserläufe ins Tal übertraten. Dort gab es zum einen bereits Platz für den Bau von Betrieben; zum anderen lieferte das Wasser noch genug Kraft, um Maschinen anzutreiben. Die wasserreiche Dornbirner Ach versorgte über Kanäle und Ableitungen die ersten Fabriken von Rhomberg & Lenz sowie jene Karl Ulmers im Schwefel. Später siedelte sich Franz Martin Hämmerle weiter achaufwärts im Gütle an; dort genügte ihm eine schmale Ebene von wenigen Dutzend Metern Breite, um Fabriken zu errichten. Hämmerle nutzte darüber hinaus eine weitere, wenn auch weniger ergiebige Energiequelle, nämlich den Steinebach; er erwarb dort systematisch die Wasserrechte und etablierte mehrere Standorte.


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Literatur:

WEITENSFELDER Hubert: Fabriken, Kühe und Kasiner - Dornbirn im Zeitraum von 1770 bis 1914. In: Werner Matt, Hanno Platzgummer (Hrsg.): Geschichte der Stadt Dornbirn. Band 2, 2002